Articles by glebo

You are currently browsing glebo’s articles.

Wenn Gesellschaften, zumal solche, die sich auf Kapital gründen, umziehen oder andere Elemente ihrer Struktur ändern, kommt auf die Verantwortlichen einiges an Papierkram zu. Handelsregister wollen ihren Wissenshunger gestillt sehen, Entscheidungen darüber, wo die maßgeblichen Entscheidungen nun regelmäßig getroffen werden, müssen getroffen werden, Finanzämter wollen Formulare mit Daten gefüllt bekommen.

Und zwischen all diesen offiziellen Schreiben, die den Briefkasten füllen, finden sich immer wieder ebenso wichtig und berechtigt wirkende Briefe, die auf verblüffend unraffinierte Weise eines zum Ziel haben: Geld für keine nennenswerte Gegenleistung. Das heißt: Nennen möchte ich diese Gegenleistung schon, aber wert ist sie eben so gut wie nichts. Ob nun die Allgemeine Gewerbeverwaltung oder ein Gewerbliches Verzeichnis für Handwerk Industrie & Handel, ob die Indutrie- und Gewerberegister-Zentrale oder das VFG Register-Verzeichnis für Gewerbe Veröffentlichungen – alle bieten gegen eine Zahlung zwischen 480,30 Euro und 650 Euro die völlig überflüssige Veröffentlichung der bereits im Handelsregister veröffentlichten Daten an. In den – gern schon mal hellgrau auf recyclinggrau gedruckten – Geschäftsbedingungen findet sich der Hinweis, dass die Zahlung zum einen freigestellt, zum anderen aber eine unwiderrufliche Auftragserteilung sei.

Zwei wichtige Erkenntnisse habe ich in den letzten Tagen gewonnen: Nicht alle Briefe auf gräulichem Papier, in denen häufig von Hervorhebungen Gebrauch gemacht wird und denen Überweisungsträger beiliegen, muss ich beachten. Und offenbar gibt es zwar immer noch einige, die auf solche zwielichtigen Verlagee reinfallen – aber es müssen weniger werden: Die Preise sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen.

Heute ist etwas komisches passiert: Ich habe nachgedacht. Ausgelöst wurde dieses Denken von den Resten einer heftigen Diskussion, die ich auf Twitter verpasst hatte. In meiner Timeline lagen nur noch ein paar versprengte Beleidigungen und diverse lose Enden herum. Weil ich weder bei XING noch bei Facebook zugange bin, blieb mir – wie so oft – der saftige Teil dieses Knisterns im Timelinewald vorenthalten. Aber ich kenne da so meine Quellen – und die habe ich angezapft.

Ausgelöst wurde die Diskussion durch ein Angebot, das Textern für einen Stundenlohn von 20 Euro Arbeit anbot. Und das große Aufstöhnen ob des Dumpings. Nun hört man dieses unschöne Wort eher im Zusammenhang mit lohnabhängig Beschäftigten und Stundensätzen im einstelligen Bereich. Aber es finden sich in den Tiefen des Netzes Kalkulationen, die glashart belegen, dass ein freischaffender Schreiberling gar nicht anders kann: Um mit dem durchschnittlichen Angestellten gleichzuziehen, müsse ein Selbständiger einen Stundenlohn von 50 bis 60 Euro verlangen. Das unternehmerische Risiko sei dabei noch überhaupt nicht berücksichtigt.

Ab diesem Punkt fing ich an zu denken. Und ein bisschen, mich zu schämen. Aber eins nach dem andern. Erstmal zum Denken: Das Ausdenken von Texten und das Ersinnen von Konzepten ist keine besonders gefährliche Arbeit – und keine besonders lebenswichtige noch dazu. Mir fallen auf Anhieb mehrere Händevoll Aufgaben ein, die wichtiger sind für das Überleben der Menschheit (oder auch nur das Wohlergehen einzelner Menschen) und die regelmäßig deutlich schlechter entlohnt werden als mit 20 Euro pro Stunde. Über die Maßen anstrengend ist es auch nicht, sich Texte und Konzepte einfallen zu lassen. Ich kann das halt nur zufällig besser als andere Dinge, die mir Spaß machen würden. Seit die bei Möbelfakta so blöde Maschinen zum Dauersitzen auf weichen Sesseln haben, bleibt mir eben nur das Texten…

Eine vehement (und mit den in solchen Situationen üblichen „harten Bandagen“) geführte Diskussion, ob ein Schreiber sich in seiner Ehre gekränkt und seinen gesamten Berufsstand an den Bettelstab genötigt sehen sollte, wenn ihm ein solches Angebot vor die Füße geworfen werde, halte ich für obszön. Wir sitzen vor unserem überteuerten Schreibknecht (nicht wenige davon wohl mit einem Apfel verziert), der wiederum an einer möglichst potenten Internetverbindung hängt, trinken dies, essen das, werfen immer mal wieder einen kurzen Blick auf das funktionenstrotzende Mobiltelefon und denken uns Sätze aus. Gut, manchmal müssen es ganze Seiten voller Text sein, die es unserem ausgelaugten Hirn abzutrotzen gilt. Und manchmal sollen diese Texte auch noch sinnvoll und gut lesbar sein. Aber wenn man sich die Liste möglicher Berufe so anschaut, findet sich „Texte erfinden“ doch nicht unter den Top-10 der gefährlichsten, undankbarsten oder ungesündesten Jobs. Wohl noch nicht mal unter den Top-100.

Natürlich ist es nicht schön, wenn ein Multi-Milliarden-Dollar-Unternehmen die Geistesgrößen, deren Slogans und Bodycopies die Marktposition eines Global Player erst ermöglichten, nicht angemessen entlohnt. Aber gleich von Dumping zu reden, wenn ein mittelmäßig potenter Kunde auch nur mittelmäßig bezahlen kann (oder will), wäre ungefähr so, als würde ich von sexueller Belästigung sprechen, wenn in der Kassenschlange eine junge Dame hinter mir zu dicht aufrückt. Wir sollten gewichtige Worte für wirkliche Ungerechtigkeiten aufheben, sonst sind sie irgendwann abgenutzt und wertlos, wenn wir sie mal wirklich brauchen. Falls ich mal eine Anfrage erhalte, deren Konditionen mir nicht zusagen, sage ich „Danke, aber Nein“. Manchmal sogar nur „Nein“. Und damit wären wir mit dem Denken durch und können zum Schämen kommen:

Sprachvirtuosen, die derart grobe Keulen schwingend dermaßen unberechtigt auf solch hohem Niveau sich als Ausgebeutete gerieren und so wenig differenziert darüber zu kommunizieren in der Lage sind, beschämen. Mich, unseren Berufsstand und hoffentlich im Nachhinein auch sich selbst. Wir sollten das schöne Leben als freischaffende Wortsetzer genießen, statt aus der bequemen Hängematte heraus den Bundschuh der Unterdrückten zu schwingen. Wer im Beruf den weisen Worten Mark Twains über Adjektive folgt, sollte dies auch bei Kritik und Beschwerde tun: „When in doubt, strike it out.“

Auch wenn jedem Anfang einer innewohnen soll: Irgendwann tröstet der Zauber nicht darüber hinweg, dass hier nichts Neues zu lesen steht. Also – frisch ans Werk!

Ein Wort hat mich inspiriert, dass ich auf der Seite der ebenso liebens- wie bewundernswerten Christiane Weber gefunden habe: Allepaartagebuch. Das klingt wie etwas, an das ich mich halten kann. Und so werde ich ab heute alle paar Tage Buch führen. Mal sehen, wie lang die Inspiration vorhält…

Dinge ändern sich

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Also ist dies ein zauberhaftes Internettagebuch. Noch.